Über uns

Tariferhöhungen, Industriepolitik, Sozialpartnerschaft - dafür steht die IG BCE, aber die Rechte von Lesben, Schwulen, Bi– und Transsexuellen? Kaum jemand hat diese Gewerkschaft als Vorkämpfer für unsere Themen gesehen. Zwar finden sich in Erlärungen und Publikationen der IG BCE zum Thema Diskriminierung auch die Begriffe 'sexuelle Orientierung' und 'sexuelle Identität'. Auch stand die Gleichbehandlung von eingetragenen Partnerschaften auf der Agenda von Tarifkommissionen und einigen Betriebsräten dieser Gewerkschaft. Gleichwohl war bisher sowohl nach innen als auch in der Außendarstellung die gefühlte Sichtbarkeit von Lesben, Schwulen, Bi– und Transsexuellen in der IG BCE praktisch gleich Null.

Im Jahr 2008 sind nun zwei regionale Initiativen entstanden, um dies zu ändern: In Nordrhein–Westfalen zeigte eine Gruppe von Lesben und Schwulen auf dem CSD in Köln mit einem Wagen Präsenz. Und der Bezirk Berlin–Mark Brandenburg entschloss sich, die Initiative eines Mitglieds zur Gründung einer LSBT–Gruppe zu unterstützen. "HoLeBiS" nennt sich die Gruppe im Nordosten der Republik. Ihr Logo ist ein bunter Kolibri, eine eigene Webpräsenz ist unter www.holebis.de im Aufbau.

Das bisherige Ergebnis der Holebis in der IG BCE ist beachtlich: Die regionale Bezirksjugenddelegiertenkonferenz hat Ende 2008 einen Antrag verabschiedet, die Belange von Lesben, Schwulen, Bi– und Transsexuellen auf die Agenda zu nehmen. Dieser und ein zweiter, noch konkreter gefaßter Antrag des gewerkschaftlichen Vertrauenskörpers von Bayer Healthcare Pharmaceuticals wurden im März 2009 auf der Bezirksdelegiertenkonferenz Berlin–Mark Brandenburg mit großer Mehrheit angenommen. Am 8./9. Mai wird ein Seminar zu den Themen sexuelle Orientierung und sexuelle Identität in der IG BCE Bildungsstätte Kagel–Möllenhorst stattfinden.

Von Anfang an wurden die "HoLeBiS" von Mitgliedern von ver.queer unterstützt. Darüber hinaus gibt es erste Kontakte zum Lesben– und Schwulenverband Deutschland (LSVD). Ein konkreter Schritt in die Kooperation ist die aktive Teilnahme von Jörg Steinert, BLSB, beim Seminar Anfang Mai. Er wird einen Programmpunkt zum Thema Klischees und Vorurteile über Lesben, Schwule, Bi– und Transsexuelle gestalten. Ebenso wichtig wie diese Kooperationen mit anderen Organisationen ist jedoch die Einbindung von ExpertInnen innerhalb der Gewerkschaft.

Zu den weiteren, möglichen Arbeitsbereichen für die Zukunft könnten die präventive Arbeit oder Intervention gehören - bspw. gegen Mobbing, oder in Fällen, wo eine HIV–Infektion ein Einstellungshindernis ist - ebenso die Schaffung von Akzeptanz und Neugier gegenüber Lesben, Schwulen, Bi– und Transsexuellen. Einige der "HoLeBiS", und sehr viele unserer Kolleginnen und Kollegen, leben im Betrieb entweder versteckt, oder sie outen sich nur gegenüber einem kleinen Kreis. Auch die Offenheit von Arbeitsumgebungen könnte ein Thema für die Zukunft sein.

Die aktiven "HoLeBiS" kommen aus Betrieben wie Bayer Healthcare Pharmaceuticals, Total, Bausch&Lomb, BASF, Berlin Chemie und PCK. Manche von ihnen sind bereits als Betriebsräte, in der Jugendauszubildendenvertretung (JAV) oder in den gewerkschaftlichen Vertrauenskörpern für die IG BCE aktiv. Andere waren bisher eher passive Gewerkschaftsmitglieder und fühlen sich nun erstmals angesprochen. Die Treffen der "HoLeBiS" und das Seminar in Kagel sind auch offen für Interessierte, die keine Gewerkschaftsmitglieder sind. Dadurch wird dem Umstand Rechnung getragen, dass die IG BCE gerade unter Lesben, Schwulen, Bi– und Transsexuellen oft als unsexy gilt und nun erstmal Glaubwürdigkeit bei der Vertretung unserer Interessen aufbauen muss.

In vielen Betrieben, in denen die IG BCE Tarifpartner ist, hat sich die Personalfunktion Diversity auf die Fahnen geschrieben. Gleichwohl fehlt es im europäischen Raum auch in diesen Betrieben meist an konkreten Maßnahmen. Anders als im Bankensektor (z.B. Deutsche Bank, Commerzbank, ING DiBa) oder in manchen Firmen mit Hauptsitz in den USA (z.B. IBM, Alcoa) gibt es in der Regel keine Diversity–Organisation, in denen MitarbeiterInnen–Netzwerke einen formalen Status erhalten können. In einem der Betriebe, nämlich Bayer Healthcare Pharmaceuticals, besteht schon seit 11 Jahren ein informelles und verbandsunabhängiges Netzwerk von Lesben, Schwulen und Bisexuellen. Trotz oder vielleicht gerade wegen der personellen überschneidungen zwischen "HoLeBiS" und diesem Netzwerk befassen sich einige der Beteiligten derzeit mit dem Verhältnis zwischen den beiden Gruppen. Evt. könnte hier ein wichtiger Beitrag zu einer anstehenden Diskussion über die punktuelle Zusammenarbeit von MitarbeiterInnen–Netzwerken und gewerkschaftlichen Gruppen für Lesben, Schwule, Bi– und Transsexuelle entstehen. Auf europäischer Ebene, z.B. bei der ILGA Europa, gibt es bereits seit letztem Jahr überlegungen, Diskussionsprozesse zu diesem Thema zu vernetzen. (ILGA: International Lesbian and Gay Association)

Auch wenn bisher in vielen Firmen die Personalabteilung den Dialog mit (gewerkschaftlichen oder anderen) Organisationen von Lesben, Schwulen, Bi– und Transsexuellen meidet, gibt es doch seit letztem Jahr in der chemischen Industrie ein ermutigendes Signal. Im November 2008 fand in Hannover die gemeinsame Diversity Tagung von IG BCE und Bundesarbeitgeberverband der Chemie (BAVC) statt. Zum Abschluss wurde eine gemeinsame Erklärung dieser Sozialpartner über Diversity als Chance und Herausforderung verabschiedet. Erstmals nimmt in dieser Erklärung zusammen mit der IG BCE auch der BAVC die Worte 'sexuelle Orientierung und Identität' in den Mund - leider jedoch nur im Zusammenhang mit dem Aspekt Diskriminierung. Gleichwohl könnte hier ein möglicher Anknüpfungspunkt für die künftige Arbeit der "HoLeBiS" im Dialog der Sozialpartner sein.

Abschließend sei noch bemerkt, dass der IG BCE Bezirk Berlin–Mark Brandenburg mit der Unterstützung der "HoLeBiS"–Initiative einen Schritt zur Umsetzung der Beschlüsse des Europäischen Gewerkschaftsverbandes ETUC macht. Dieser hat in Sevilla 2007 ein Dokument verabschiedet, demzufolge Gleichbehandlung und Diversity untrennbar zusammengehören. Nach einem einjährigen, gemeinsamen Projekt mit ILGA Europa, an dem übrigens auch ver.queer beteiligt war, sind nun die Mitgliedsorganisationen aufgefordert, aktiv für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bi– und Transsexuellen einzutreten. Die IG BCE ist Mitglied im DGB und in der European Mine, Chemical and Energy Worker's Federation (EMCEF). DGB und EMCEF wiederum sind Mitglieder des ETUC.